Dominieren wenige ETFs die europäische ETF-Industrie?

Schaut man sich als Marktbeobachter die monatlichen Mittelbewegungen in der europäischen ETF-Industrie an, bekommt man den Eindruck, dass sich die zufließenden Mittel auf wenige Anbieter verteilen und in der Folge nur eine geringe Anzahl von ETFs über ein deutliches Wachstum bei den verwalteten Vermögen verfügen.

Wenn diese Schlussfolgerung zutrifft, würde der Marktanteil, den die Fonds mit hohen Mittelzuflüssen einnehmen, nach und nach steigen, bis diese Fonds den Markt komplett dominieren. Auf der anderen Seite ist die europäische ETF-Industrie sehr innovativ und weitet ihr Produktangebot ständig weiter aus, um sich mit den neuen Produkten neue Anlegergruppen zu erschließen beziehungsweise bestehenden Investoren neue Anlagemöglichkeiten zu bieten, um weiter wachsen zu können.

Grafik 1: Anzahl an ETFs mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 1 Milliarde Euro

16-10-10 Grafik 1

Quelle: Thomson Reuters Lipper

Wie Grafik 1 zeigt, ist die Anzahl der ETFs, die ein Vermögen von mehr als 1 Milliarde Euro verwalten erst im Anschluß an die Euro-Krise stark angestiegen. Dieser Anstieg kann zumindest zu einem großen Teil durch die seit der Euro-Krise stark gestiegenen Populatität von börsengehandelten Indexfonds erklärt werden. Denn von den steigenden Mittelzuflüssen in ETFs profitierten insbesondere die Kernanlageklassen wie Aktien USA oder Aktien Europa und innerhalb dieser Anlageklassen konnten insbesondere die ETFs von dem Trend profitieren, die bereits ein hohes Vermögen verwalteten, da sie über die nötige Größe für institutionelle Investoren und eine gute Liquidität verfügten, die einen günstigen Handel ermöglichte.

Doch neben den etablierten ETFs schafften es auch immer wieder neu aufgelegte Produkte in den Klub der Vermögensmilliardäre, so dass deren Zahl von 34 (31.12.2011) auf 109 ETFs (31.08.2016) wuchs. Im Verhältnis zur Gesamtzahl der ETFs mit einer Vertriebszulassung in Europa (2.081Produkte) wirkt die Anzahl der ETFs mit einem Vermögen von mehr als 1 Milliarde Euro nicht überdimensional groß.

Die entscheidende Frage im Bezug auf die Konzentration der Mittel ist aber, wie hoch ist der Marktanteil dieser Fonds an dem insgesamt in börsengehandelten Indexfonds verwalteten Vermögen und wie hat sich dieser im Laufe der Zeit verändert. Per 31.08.2016 verwalteten die ETFs mit mehr als 1 Milliarde Euro Anlagevermögen zusammen 278,89 Milliarden Euro. Dies entsprach 58,03% des zu diesem Zeitpunkt insgesamt in Europa in ETFs verwalteten Vermögens (480,62 Milliarden Euro).

Diese Zahlen belegen eindeutig, dass die in der europäischen ETF-Industrie verwalteten Vermögen auch auf Einzelfondsebene stark konzentriert sind. Erstaunlicherweise zeigt die Grafik 2, dass es diese Konzentration schon immer gab. Denn selbst per 31.12.2001, als es nur einen ETF in Europa gab, der mehr als eine Milliarde Euro verwaltete, hatte dieser Fonds mit einem verwalteten Vermögen von 1,05 Milliarden Euro einen Marktanteil von 44,61% an den insgesamt in ETFs verwalteten Vermögen.

Grafik 2: Prozentualer Anteil der Fonds mit einem verwalteten Vermögen von mehr als einer Milliarde Euro an den insgesamt in ETFs verwalteten Vermögen

16-10-10 Grafik 2

Quelle: Thomson Reuters Lipper

Da die 109 ETFs mit einem verwalteten Vermögen von mehr als einer Milliarde Euro einen Marktanteil von 58,03% haben, kann man davon sprechen, dass diese Produkte den Markt beherrschen. Allerdings weißt die europäische ETF-Industrie von Beginn an – sowohl auf Anbieter-, wie auch auf Fondsebene – eine hohe Konzentration der verwalteten Vermögen auf. Eine solche Situation ist aus Wettbewerbsgesichtspunkten zwar grundsätzlich als kritisch zu bewerten, sollte im Bereich der ETF-Industrie aber nicht überbewertet werden. Zum Einen wächst oder schrumpft das Vermögen der einzelnen ETFs mit den Bewegungen der unterliegenden Märkte und der dadurch auf Investorenebene ausgelösten Mittelbewegungen.

Dies bedeutet, dass entsprechende Trends in den Märkten schnell zu einer Umverteilung der Mitel auf andere Fonds oder Anbieter führen können. Zum anderen achten ETF- Investoren aufgrund der hohen Vergleichbarkeit der Produkte sehr auf die Qualität der von ihnen genutzten ETFs und wechseln von einem Anbieter zum anderen, wenn dessen Produkte ihnen mehr Vorteile oder eine höhere Qualität bieten. Last but not least kommen immer wieder neue ETF-Anbieter auf den Markt, denen es trotz der Dominaz der großen Anbieter gelingt, ein signifikantes verwaltetes Vermögen aufzubauen und somit den Wettbewerb innerhalb der ETF-Industrie am Leben zu halten, beziehungsweise sogar zu verstärken. Ob die hohe Anzahl an Produkten hierzu wirklich notwendig ist, wird die Zukunft zeigen. Denn wie in der Investmentindustrie üblich, werden auch in der ETF-Industrie Fonds, die nicht genügend Mittel auf sich vereinen können, durch Liquidation oder Verschmelzung mit anderen Produkten vom Markt genommen.

Detlef Glow ist Leiter der EMEA Research Abteilung bei Thomson Reuters Lipper

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