Kapitalmärkte ausserhalb der Komfortzone

Unsere Markteinschätzung steht im deutlichen Gegensatz zur bisherigen Entwicklung der Kapitalmärkte. Wir gehen davon aus, dass das makroökonomische Umfeld und die langfristig sehr expansive Geldpolitik Aktien und Kreditanleihen begünstigen.

Bei deutschen und US-amerikanischen Staatsanleihen, die in den ersten zwei Monaten des Jahres als sicherer Hafen gefragt waren und sich sehr positiv entwickelten, gehen wir im weiteren Jahresverlauf eher von einer Abschwächung aus.

Der Jahresauftakt verlief komplett anders als viele Analysten erwartet hatten. So blieb die zu Jahresbeginn erhoffte Rallye aus, da Konjunktursorgen überwogen. In dieser Situation schalteten viele Investoren in den Risk-off-Modus, zumal Aktien enttäuschten, während Anleihen eine positive Wertentwicklung zeigten. So mussten Dax und Euro STOXX 50 im laufenden Jahr einen Rückgang um rund 18 % hinnehmen.

Gleichzeitig erzielten deutsche Bundesanleihen einen Wertzuwachs von über 4 %. Das war Mitte beziehungsweise Ende Februar. Mittlerweile ist der Performance-Vorsprung der Anleihen ein wenig kleiner geworden, doch die Vorzeichen bleiben: Aktieninvestments liegen im Minus, Investments
in Anleihen zeigen ein Plus.

Allerdings hat die Volatilität nicht nur am Aktien-, Währungs- und Rohstoffmarkt deutlich zugenommen. Auch am Rentenmarkt kam es bereits zu extremen Marktbewegungen. Besonders ausgeprägt war der Renditeanstieg bei zehnjährigen Bundesanleihen. Zwischen April und Juni 2015 kletterte die Marktrendite um rund 90 Basispunkte.

Damit verbunden waren Kursverluste, die sich gemessen am Index für deutsche Staatsanleihen aller Laufzeiten auf rund 6,5 % beliefen. Auch in diesem Jahr könnte es zu ähnlichen Ausschlägen kommen, davon gehen wir jedenfalls aus.

Ein Vergleich anhand von Bewertungskennziffern ergibt einen eindeutigen Gewinner: Aktien erscheinen attraktiver als Anleihen. Ihre Dividendenrendite übertrifft die Anleiherendite und mit Blick auf das sehr niedrige Zinsniveau erscheinen Aktien relativ günstig bewertet.

Die Aktienmärkte der Industrieländer und die Emerging Markets (EM) sollten jedoch gesondert betrachtet werden. Seit 2011 weisen nämlich die Märkte in den Schwellen- und Entwicklungsländern eine schlechtere Performance auf als Aktienwerte aus den Industrieländern. Zwar gab es kurze Phasen, in denen sich die Emerging Markets erholten, aber letztendlich zahlte sich ein Engagement in den EM-Aktienmärkten nicht aus.

Auch wenn wir noch skeptisch sind, dass eine Trendumkehr bevorsteht – globale Wachstumssorgen und die US-Zinswende sprechen dagegen –, ist offensichtlich, welches Aufholpotenzial EM-Aktien besitzen. Daher sollten Investoren diese Anlageklasse in den kommenden Monaten und Jahren im Auge behalten.

Staatsanleihen dürften in diesem Jahr durch einen moderaten Zinsanstieg belastet werden. Je länger die Anleihelaufzeit ist, desto höher ist auch die Zinssensitivität des Kurswerts und desto stärker könnte die Kursreaktion ausfallen. Kreditanleihen werden zwar ebenfalls unter dem Zinsanstieg leiden.

Da sie anders als Staatsanleihen aber zudem eine Risikoprämie bieten, sollte dieses Anlagesegment besser abschneiden. Für zusätzliche Unterstützung sorgte zuletzt EZB-Präsident Mario Draghi. Er kündigte an, die EZB werde künftig auch Industrieanleihen erwerben.

Insgesamt bleiben aber Aktien unsere Favoriten, wenngleich unsere Performance-Erwartungen mit 6 bis 7 % für 2016 eher moderat ausfallen. Konjunkturausblick und Geldpolitik begünstigen insbesondere die europäischen Aktienmärkte, auch wenn die nur schwach positive Entwicklung der Unternehmensgewinne die Erwartungen dämpft. Dabei sollten Risiken jedoch keinesfalls außer Acht gelassen werden.

Zwei Faktoren könnten die Prognosen auf den Kopf stellen: Ungünstig für Aktien wäre, wenn das globale Wachstum entgegen unseren Erwartungen nachhaltig schwächer ausfallen würde. Auch die Probleme innerhalb der EU könnten sich zu einer Krise zuspitzen, die den Zusammenhalt bedroht (Brexit inklusive). In einem solchen Szenario würden Anlageklassen mit höherem Risikopotenzial massiv unter Druck geraten, während erstklassige Staatsanleihen erneut als sicherer Hafen gefragt wären.

Auf Portfolioebene halten wir vorerst an unserer moderaten Risikogewichtung fest. Sobald die Anlagechancen greifbarer werden, möchten wir aber beispielsweise unsere Aktiengewichtung erhöhen und im Gegenzug die Rentenquote reduzieren.

Ulrike Jäger, Leiterin Portfoliomanagement Investmentstrategie zur taktischen Asset Allocation

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