Vontobel: Wer den Klimawandel ignoriert, tut dies auf eigene Gefahr

Vontobel-Chefstratege Christophe Bernard betont dass sich der Klimawandel langfristig auch auf Portfolios auswirken wird. 

Die Hoffnung ist groß, dass bei der bevorstehenden UNO-Klimakonferenz in Paris ein bahnbrechendes Abkommen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen geschlossen wird. Im Vorfeld dieses von Ende November bis Anfang Dezember stattfindenden Gipfels werfen wir einen Blick darauf, welche negativen Folgen Maßnahmen zur Senkung der von Menschen verursachten Emissionen auf Portfolios haben könnten – und wie sich aus Anlegersicht ein Fokus auf innovative Unternehmen, die zur Eindämmung der Emissionen beitragen, lohnen kann.

Über kaum ein Thema wird so viel geschrieben wie über den globalen Klimawandel. Auch Papst Franziskus hat dazu in seiner jüngsten Enzyklika Stellung genommen. Dabei schreibt der Pontifex unter anderem:

“Das Klima ist ein gemeinsames Gut, das allen gehört und für alle da ist. Auf globaler Ebene ist es ein komplexes System, das mit vielen grundlegenden Bedingungen für menschliches Leben verbunden ist. Ein sehr fundierter wissenschaftlicher Konsens besagt, dass wir derzeit eine besorgniserregende Erwärmung des Klimasystems erleben. (…) Die Menschheit ist aufgerufen, sich bewusst zu werden, dass Änderungen in der Lebensweise, in der Produktion und im Konsum notwendig sind, um diese Erwärmung oder zumindest die menschlichen Ursachen, die sie hervorrufen und verschärfen, zu bekämpfen.”

Seine Sorgen scheinen mittlerweile auch die beiden weltgrößten Umweltverschmutzer, die USA und China zu teilen. Nimmt man deren neuerdings freundlichere Haltung zu Klimafragen als Indikator, so stehen wir an einem Wendepunkt. Die Regierungen beider Länder haben ihre langjährige Abwehrhaltung aufgegeben und eingestanden, dass die durch Menschen verursachten Emissionen wahrscheinlich eine destabilisierende Wirkung auf das Klima haben. Mit diesen Themen wird sich die Klimakonferenz in der französischen Hauptstadt beschäftigen, und “Paris” könnte eine neue Ära ernsthafter Bemühungen zur Verlangsamung des Temperaturanstiegs in den kommenden Jahrzehnten einläuten.

Entscheidend ist, dass Politik und Regulierungsbehörden für “saubere” Technologien eintreten und gegen Kohlendioxidemissionen vorgehen. Dies wird weitreichende Folgen für die Gesellschaft, für Länder, Wirtschaftssektoren und nicht zuletzt auch für die Investoren haben. Mark Carney, der Gouverneur der Bank of England, warnte jüngst, dass Investoren durch den Klimawandel mit “enormen potenziellen” Verlusten rechnen müssten. Er nannte das Beispiel von Ölunternehmen, die einen Teil ihrer Energiereserven unter Umständen nicht erschließen werden – eine Möglichkeit, die sich in den Aktienkursen und Bewertungen solcher Firmen laut dem Notenbankchef möglicherweise in unzureichendem Masse widerspiegelt. Dies wäre angesichts der hohen Gewichtung großer Ölkonzerne in den Aktienindizes nicht nur für ExxonMobil, BP, Total oder vergleichbare Unternehmen ein beunruhigendes Szenario, sondern auch für Pensionskassen und private Investoren. Von Einnahmen aus fossilen Brennstoffen abhängige Staaten müssen ebenfalls mit ernsthaften langfristigen Herausforderungen rechnen, die möglicherweise schwerwiegende Folgen für ihre Bonitäts-Ratings und Währungen haben werden – es sei denn, sie entwickeln rechtzeitig eine geeignete Diversifikationsstrategie.

Kohlenstoffarme Wirtschaft als mächtiger Anlagetrend
Eine Wende in der Politik kann eine spürbare Sofortwirkung auf gesamte Sektoren und damit auch auf Portfolios haben. In diesem Sommer belastete ein neuer Klimaplan in den USA unverhofft die Schiefergasindustrie. Das Weiße Haus verabschiedete sich von seiner bisherigen Unterstützung von Erdgas als saubererer Alternative zu Kohle und verlagerte den Schwerpunkt stattdessen auf “erneuerbare” Energien, um die Treibhausgasemissionen der Kraftwerke zu reduzieren. Der Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft dürfte sich zu einem mächtigen Trend entwickeln.

Die Internationale Energiebehörde (IEA) schätzt, dass zusätzliche Investitionen in “saubere” Energien in Höhe von etwa einer Billion US-Dollar jährlich erforderlich sein werden, um die globale Erwärmung auf ein akzeptables Maß zu begrenzen. Die Marktteilnehmer sollten ihr Engagement auf Unternehmen ausdehnen, die voraussichtlich von dieser langfristigen Verschiebung profitieren werden. Umgekehrt ist es ratsam, Investitionen in Unternehmen und Sektoren zu überprüfen, die wahrscheinlich zu den Verlierern dieses “Megatrends” gehören werden.

Gewinnmitnahmen inmitten des Marktaufschwungs
In den globalen Märkten haben die expansive Haltung der Europäischen Zentralbank und die weitere Lockerung durch die People’s Bank of China die Aktienkurse nach oben getrieben. Wir haben den jüngsten Kursanstieg für Gewinnmitnahmen genutzt und damit unser Aktien-Engagement auf ein neutrales Niveau reduziert. Einerseits stehen die Unternehmenserträge in allen Regionen unter Druck, besonders bei Unternehmen, die global in Handel und Fertigung tätig sind; andererseits sind die Zentralbanken weiterhin äußerst expansiv eingestellt und unterstützen damit riskante Anlagen. Insgesamt überwiegen weiterhin disinflationäre Kräfte und Risiken für das globale Wachstum, die insbesondere aus den Schwellenländern stammen. Dies zwingt die Notenbanken, ihren Expansionskurs länger als erwartet beizubehalten. Aus diesem Grund haben wir unsere Position in US-Staatsanleihen mit sehr langen Laufzeiten aufgestockt. Unseres Erachtens bieten 30-jährige US-Treasuries nicht nur eine effektive Diversifikation und im Vergleich zu den meisten Alternativen eine positive Rendite, sondern angesichts der Steilheit der Renditekurve auch ein begrenztes Abwärtsrisiko

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