Wermuth AM fordert: Nehmt Pariser Klimaabkommen ernst!

Laut Jochen Wermuth, CIO von Wermuth Asset Management und Mitglied im Präsidium von Europeans for Divest Invest können die weltweit größten gelisteten Energiekonzerne wie BP, Chevron, Eni, ExxonMobil, Shell, Statoil und Total sich dem angestoßenen Wandel hin zu einer kohlenstoffarmen Zukunft nicht länger versperren.

Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz hatte die Mehrheit der genannten Unternehmensvorstände in einem Brief an die Delegierten erklärt, dass ein klarer, langfristig stabiler und ehrgeiziger politischer Rahmen, gesetzt durch die Regierungen weltweit, die Voraussetzung für ein aktives Einbringen seitens der Unternehmen sei. Mit dem jüngst unterzeichneten historischen Abkommen ist diese Bedingung jetzt erfüllt.

Das Pariser Klimaabkommen (COP 21) ist wegweisend. Knapp 200 Staaten haben sich im Dezember 2015 darauf verständigt, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen und die Nettoemissionen in der zweiten Hälfte des Jahrtausends auf null zu senken. Ende April folgte im New Yorker UN-Hauptsitz die feierliche Unterzeichnung mit einem Rekord: Noch nie haben so viele Staaten gleich am ersten möglichen Tag einen internationalen Vertrag unterzeichnet. Das zeigt die große Bedeutung, die das beschlossene Abkommen hat.

Während die Ratifizierung, also die Bestätigung durch die nationalen Parlamente, wichtig ist, kann jetzt auch schon der freie Markt der Beschleunigung der globalen Erderwärmung mit dramatischen Folgen für Umwelt, Menschen und Wirtschaft ein Riegel vorschieben – wenn die Regierungen nur Wettbewerbsgleichheit schaffen und Subventionen für Diesel und Hybridfahrzeuge abschaffen sowie es Elektrofahrzeugen erlauben, Strom ins Netz einzuspeisen und ihre Batterien als Speicherkraftwerke zu nutzen. So könnte zum Beispiel in Deutschland die gesamte Verbrennungsmotorflotte durch Elektrofahrzeuge ersetzt werden, ohne dass ein einziges neues Kraftwerk gebaut werden muss.

Solarstrom vielerorts bereits günstiger als Atom- oder Kohlestrom
Erreichbar ist das gesteckte Ziel aber auch nur mit einem konsequenten und sofort begonnenen Umdenken seitens der größten Öl,- Gas- und Kohleproduzenten. Konkret bedeutet dies, dass 80 Prozent der bereits gefundenen und bilanzierten Kohle-, Gas-, und Ölreserven nicht verwendet werden dürfen. Zudem ist klar, dass der Anteil der erneuerbaren Energien weltweit zügig und wesentlich deutlicher wachsen wird, als die Internationale Energieagentur (IEA) und die Energiekonzerne vorhersagen.

Wie billig zum Beispiel Solarstrom inzwischen ist, zeigt ein geplantes Solarkraftwerk mit 800 Megawatt Leistung in Dubai. Das niedrigste Angebot für den Strom aus der Anlage lag bei $2,99cent/kWh – und wäre somit deutlich günstiger als Atom- oder Kohlestrom. In Mexiko gibt es Solarstrom aktuell für unter $5cent/kWh und in Deutschland für unter €7cent/kWh. Der Ölpreis müsste unter 5 US-Dollar je Barrel bzw. unter 6 Euro je Barrel fallen, um mit solchen Preisen konkurrieren zu können.

Erneuerbare Energien und Elektrofahrzeuge sind im freien Wettbewerb konkurrenzfähig
Die Auswirkung dieser neuen energetischen Revolution auf den kohlenstoffintensiven Transportsektor ist enorm. Eigentümer von Voll-Elektromobilen können ihre Batterien als Speicherkraftwerk nutzen, indem sie nachts billig Strom tanken und tagsüber bei Spitzenpreisen einspeisen. Wo die Rahmenbedingungen von Seiten der Regulierung und der Infrastruktur vorhanden sind, können Elektrofahrzeughalter dadurch jährlich 2.000 Euro mit ihrem Fahrzeug verdienen. Somit verbraucht ein Elektromobil etwa ein Drittel der Energie, die ein Verbrennungsmotor benötigt und die Nettoanschaffungskosten liegen auch weit unter der von dem billigsten Kraftfahrzeug.

Damit wird die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen für den Verkehr gegen Null tendieren. „Jede weitere Investition in die Erforschung und Ausbeutung von fossilen Brennstoffen ist daher betriebswirtschaftlich sinnlos. Große Energiekonzerne müssten ihre anfallenden Gewinne sofort an ihre Aktionäre ausschütten oder sie in erneuerbare Energien investieren. Erneuerbare Energien und Elektrofahrzeuge sind jetzt schon im freien Wettbewerb konkurrenzfähig. Dadurch ergibt sich für Deutschland eine enorme Chance, indem alle 40 Millionen im Land zugelassenen Kraftfahrzeuge durch bessere, gesündere und billigere Elektrofahrzeuge ersetzt und etwa 60 Milliarden Euro an Kraftstoffeinfuhren gespart werden können.

Offener Brief an Energieunternehmen
Fossile Energieträger müssen überwunden werden. Zeit ist dabei der kritische Faktor. Der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft ist im Gange, muss aber beschleunigt werden. Das Fenster, um den Klimawandel aufzuhalten, wird sich in den nächsten fünf Jahren für immer schließen. Aber mit vereinten gesellschaftsübergreifenden Kräften, einer Ausweitung der Investitionen sowie einem beherzten Agieren der Regierungen und der großen Energieunternehmen, können wir alle gemeinsam das gesteckte Ziel einer Null-Kohlenstoff-Wirtschaft erreichen.

Ich stehe für meine Werte ein, als Privatperson und als Geschäftsmann. Deshalb habe ich gemeinsam mit knapp 80 anderen Institutionen einen offenen Brief an die Vorstände von BP, Chevron, Eni, ExxonMobil, Shell, Statoil und Total verfasst. Wir fordern darin die Unternehmen auf, Verantwortung zu übernehmen und ihre Geschäftsstrategien an den politischen Willen und die betriebswirtschaftlichen Realitäten anzupassen – für eine gemeinsame Zukunft.

Der Offene Brief ist am 26. April in der Financial Times (UK) erschienen.

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